Staatliches Risikokapital, Familienunternehmen und neue Investitionskontrolle: Die Schweiz im Wirtschaftswandel
Innovationsfinanzierung ohne staatliche Fonds
Die Schweiz zählt zu den weltweit führenden Innovationsstandorten. An Hochschulen wie den ETHs entstehen jährlich Dutzende neuer Firmen. Doch bei der Finanzierung stossen Jungunternehmen teilweise auf Probleme. Politiker fordern deshalb, der Staat solle als Risikokapitalgeber auftreten. Eine Analyse von Avenir Suisse zeigt jedoch, dass der Markt bereits dynamisch wächst – ganz ohne staatliche Unterstützung.
2025 flossen knapp 3 Milliarden Franken an Risikokapitalinvestitionen in Startups, sechsmal mehr als zehn Jahre zuvor. Damit liegt die Schweiz international im oberen Mittelfeld. Drei Viertel der aktiven Fonds existieren seit weniger als zehn Jahren, was auf eine noch junge Marktreife hindeutet. Besonders relevant: Rund drei Viertel des in die Schweiz fliessenden Risikokapitals stammen aus dem Ausland. Dies ist jedoch kein Nachteil, sondern Ausdruck eines attraktiven Ökosystems. Ausländische Investoren bringen nicht nur Kapital, sondern auch Fachwissen und Netzwerkkontakte mit.
Auch die oft geäusserte Sorge einer massiven Abwanderung von Startups ins Ausland relativiert sich. Gemäss Avenir Suisse verlegt nur rund eines von 20 Startups (gut 5 Prozent) seinen Hauptsitz ins Ausland. Die meisten Unternehmen bleiben im Land und profitieren vom Zugang zu globalen Märkten durch internationale Partner.
Crowdinvesting als Zwischenlösung
Neben klassischem Venture Capital gewinnt Crowdinvesting an Bedeutung. Im Unterschied zu Crowdfunding, das auf Spenden oder Belohnungen basiert, erhalten Investoren bei Crowdinvesting Eigenkapital oder eigenkapitaleähnliche Instrumente. Diese Form eignet sich besonders für Wachstumsphasen nach dem Markteintritt, aber vor dem Einstieg grosser Venture-Capital-Fonds.
Erfolgreiche Kampagnen setzen jedoch voraus, dass Startups bereits eine produktreife Lösung und erste Kunden vorweisen können. Zudem erfordert das Format aktive Beteiligung der Gründer: Investoren werden zu langfristigen Partnern, die nicht nur Kapital bereitstellen, sondern auch als Kunden, Markenbotschafter und Feedbackgeber fungieren. Eine sorgfältige Vorbereitung und transparente Kommunikation nach der Finanzierung sind entscheidend für den Erfolg.
Familienunternehmen als Stabilitätsanker
Während Jungunternehmen für Dynamik sorgen, bilden Familienunternehmen das Rückgrat der etablierten Schweizer Wirtschaft. Firmen wie Richemont und Roche trugen im vergangenen Jahr gemeinsam zu 28 Prozent der Marktkapitalisierung des SPI bei und erwirtschaften mehr als 25 Prozent des Schweizer Bruttoinlandprodukts.
Eine Studie von Vontobel zeigt, dass Familienunternehmen durch konservative Finanzpolitik und langfristige Perspektiven überdurchschnittliche Renditen erzielen. Knapp die Hälfte der untersuchten Unternehmen verfügt über Nettoliquidität – bei Nicht-Familienunternehmen sind es weniger als ein Fünftel. Die durchschnittliche Ausschüttungsquote beträgt das 0,6-Fache des Nettogewinns und ist über die Zeit stabil.
Die Performance überzeugt: Large-Cap-Familienunternehmen übertrafen den SMI-Index um mehr als 1,6 Prozent pro Jahr, Mid-Cap-Unternehmen erzielten sogar eine Outperformance von 3,3 Prozent gegenüber dem SMIM-Index. Besonders stark vertreten sind Familienunternehmen in der Industrie (41 Prozent der Unternehmen) und im Konsumgütersektor, insbesondere im Luxussegment.
Governance-Herausforderungen
Trotz der wirtschaftlichen Erfolge zeigen Familienunternehmen Schwächen bei der Corporate Governance. Das Prinzip „eine Aktie, eine Stimme" ist oft nicht gewährleistet, was zu Interessenkonflikten zwischen Familienmitgliedern und externen Aktionären führen kann. In fast der Hälfte der untersuchten Unternehmen hat ein Familienmitglied den Verwaltungsratsvorsitz inne, in weniger als einem Drittel ist der CEO ein Familienangehöriger. Mit wachsendem ESG-Bewusstsein dürften Investoren diese Strukturen künftig genauer unter die Lupe nehmen.
Internationale Verflechtungen und Direktinvestitionen
Die Schweiz zählt international zu den Spitzenreiterinnen als sowohl Investorin als auch Investitionsstandort. 2023 beliefen sich die Direktinvestitionen ausländischer Unternehmen in der Schweiz auf 535 Milliarden Franken (ohne Finanz- und Holdinggesellschaften), während Schweizer Unternehmen im Ausland 809 Milliarden Franken investierten. Diese Zahlen verdeutlichen die tiefe Integration in die globale Wirtschaft.
Die USA sind mit rund 40 Prozent der grösste Partner für Direktinvestitionen, gefolgt von der EU mit knapp über 30 Prozent. Ausländisch kontrollierte multinationale Unternehmen beschäftigen rund 11 Prozent der Arbeitnehmenden in der Schweiz, erzeugen jedoch knapp ein Viertel der gesamten Bruttowertschöpfung. Insgesamt tragen multinationale Unternehmen (einschliesslich schweizerisch kontrollierter) 45 Prozent zur Bruttowertschöpfung bei, wie Die Volkswirtschaft berichtet.
Forschung und Entwicklung
Die Privatwirtschaft investiert jährlich rund 18 Milliarden Franken in Forschung und Entwicklung, ein Plus von 3,5 Prozent seit 2021, wie economiesuisse mitteilt. Der Pharma- und Maschinenindustrie entfallen dabei die grössten Anteile. Allerdings stagnieren die F+E-Ausgaben bei 2,2 Prozent des BIP, was im internationalen Vergleich deutlich hinter Spitzenreitern wie den USA, Südkorea oder Israel zurückliegt. Zunehmend werden F+E-Dienstleistungen ins Ausland verlagert: Rund 8 Milliarden Franken fliessen jährlich in ausländische Forschungsstandorte, während 2 Milliarden aus dem Ausland in die Schweiz kommen.
Private Equity und lokale Investitionen
Private Equity fungiert zunehmend als Brücke zwischen privatem Vermögen und realer Wirtschaft. Schweizer Privatinvestoren investieren verstärkt in heimische KMU, die oft technologisch hoch spezialisiert und global tätig, aber an öffentlichen Märkten nicht vertreten sind, wie Nordstein analysiert. Diese Entwicklung stärkt die lokale Wirtschaft und unterstützt Unternehmensnachfolgen.
Neue regulatorische Rahmenbedingungen
Mit dem Investitionsprüfgesetz (IPG) führt die Schweiz erstmals eine gezielte Überprüfung ausländischer Investitionen ein. Anders als in den USA oder Grossbritannien greift das Gesetz jedoch nur selektiv: Es betrifft ausschliesslich staatliche oder staatlich kontrollierte Investoren bei der Übernahme der Kontrolle über Unternehmen in sensiblen Sektoren wie kritischer Infrastruktur oder sicherheitsrelevanten Technologien, erläutern Investrends.
Für den M&A-Markt bedeutet dies neue Planungsunsicherheiten zwischen Vertragsabschluss und Closing. Experten empfehlen, die Investitionskontrolle frühzeitig in die Transaktionsplanung einzubeziehen und transparente Governance-Strukturen zu präsentieren, um Genehmigungsrisiken zu minimieren.
Empfohlene Rahmenbedingungen statt Staatsfonds
Statt selbst als Risikokapitalgeber aufzutreten, sollte sich der Bund auf die Verbesserung der Rahmenbedingungen konzentrieren. Konkret empfohlen werden die Abschaffung der Stempelsteuer auf Eigenkapitalemissionen (derzeit 1 Prozent), die Einführung von Startup-Visas für hochqualifizierte Absolventen aus Drittstaaten, die Stabilisierung der Lohnnebenkosten sowie die Modernisierung des Arbeitsgesetzes für flexible Arbeitszeitmodelle in der digitalen Gesellschaft.
Diese Massnahmen könnten die Wettbewerbsfähigkeit des Innovationsstandorts Schweiz stärken, ohne die Risiken staatlicher Förderpolitik wie Verdrängung privater Investoren oder politisch verzerrte Kapitalallokation einzugehen.