Schweizer Startup-Ökosystem: Finanzierungsboom, steuerliche Fallstricke und regulatorische Hürden

Finanzierungsboom und Markttrends 2025

Nach einer Phase der Unsicherheit stabilisiert sich der Schweizer Startup-Markt und zeigt deutliche Wachstumsimpulse. Laut dem EY Startup Barometer Schweiz 2026 stieg das Investitionsvolumen im Jahr 2025 auf 3,3 Milliarden Schweizer Franken, was einem Plus von 44 Prozent gegenüber dem Vorjahr (2,3 Milliarden Franken) entspricht. Die Anzahl der Finanzierungsrunden blieb mit 515 nahezu stabil (2024: 513).

Schweizer Startup-Ökosystem: Finanzierungsboom, steuerliche Fallstricke und regulatorische Hürden
© Heisenberg Media (CC BY 2.0)

Künstliche Intelligenz und Gesundheitssektor dominieren

Ein besonderer Wachstumstreiber ist der Bereich Künstliche Intelligenz. Die Zahl der Finanzierungsrunden für KI-Startups stieg um 46 Prozent auf 163, das Investitionsvolumen verdreifachte sich nahezu auf 1,1 Milliarden Franken (+206 Prozent). Damit entfallen 32 Prozent des gesamten Finanzierungsvolumens auf KI-Unternehmen. Der Gesundheitssektor bleibt mit 1,5 Milliarden Franken (44 Prozent des Volumens) und 147 Runden die volumenstärkste Branche, gefolgt von Software & Analytics mit 924 Millionen Franken.

Mega-Deals und geografische Konzentration

Der Markt wird zunehmend von Grossfinanzierungen geprägt: Die Zahl der Mega-Deals über 100 Millionen Franken verfünffachte sich von einem (2024) auf fünf (2025), ihr Gesamtvolumen stieg auf 747 Millionen Franken. Geografisch konzentriert sich das Geschehen weiterhin auf den Kanton Zürich (213 Runden, 1,3 Milliarden Franken) und die Romandie (165 Runden, 909 Millionen Franken). Die Zentralschweiz rückt mit 517 Millionen Franken auf den dritten Platz vor.

Finanzierungsphasen und Kapitalquellen

Die Entwicklung eines Startups durchläuft typischerweise drei Phasen: die Gründungsphase mit Businessplan und Marktrecherche, die Aufbauphase mit Markteinführung und Expansion sowie der Exit durch Börsengang, Verkauf oder Liquidation. Je nach Phase stehen unterschiedliche Finanzierungsinstrumente zur Verfügung.

Frühphase: Von den 3Fs bis zu Business Angels

In der Seed-Phase greifen Gründer häufig auf die sogenannten 3Fs (Friends, Family and Fools) zurück. Business Angels, oft selbst erfolgreiche Unternehmer, stellen nicht nur Eigenkapital zur Verfügung, sondern auch wertvolles Know-how und aktive Beratung. Sie investieren typischerweise in frühen Phasen und begleiten das Unternehmen persönlich.

Wachstumsphase: Venture Capital und Crowdinvesting

In der Wachstumsphase (Series A oder B) suchen Unternehmen zwischen 500'000 und 5 Millionen Franken, um skalieren zu können. Hier kommen Venture Capitalists (VCs) ins Spiel – institutionelle Investoren, die systematisch nach klaren Regeln auswählen und intensives Coaching anbieten. Ein alternatives Instrument ist das Crowdinvesting, das 2024 in der Schweiz ein Volumen von 25 Millionen Franken erreichte. Plattformen wie CapiWell konzentrieren sich dabei auf validierte Wachstumsunternehmen und akademische Spin-offs, wodurch das Risiko gegenüber reinen Seed-Investments reduziert wird.

Institutionelle Investoren und Banken

Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) gehört seit 2005 zu den aktivsten Förderinnen des Schweizer Startup-Ökosystems. Mit einem Portfolio von über 180 Startups und einem jährlichen zweistelligen Millionenbetrag an Investitionen begleitet sie Unternehmen von der Gründung über Wachstumsfinanzierungen bis zum Exit. 2024 prüfte die Bank rund 600 Startups und investierte in rund ein Dutzend neue Unternehmen sowie über 40 Folgerunden. Dabei flossen drei erfolgreiche Exits. Auch der ZKB Pionierpreis Technopark, dotiert mit 100'000 Franken, gehört zu den wichtigsten Innovationspreisen der Schweiz und verleiht Preisträgern Sichtbarkeit sowie ein Gütesiegel für Investoren und Kunden.

Steuerliche Rahmenbedingungen und Fallstricke

Die Wahl der Rechtsform und die steuerliche Planung haben langfristige Konsequenzen für Startups und Investoren. Gründer bevorzugen aus Haftungsgründen sowie wegen der besseren Finanzierungs- und Exit-Möglichkeiten zunehmend die Kapitalgesellschaft (AG oder GmbH).

Verlustverrechnung und Anreize für Investoren

Ein zentrales Problem im Schweizer Steuerrecht ist die zeitlich auf sieben Jahre beschränkte Verrechnung von Verlustvorträgen (Art. 67 DBG). Für Startups in der Aufbauphase, die oft erst nach mehreren Jahren Gewinne erzielen, bedeutet dies, dass frühe Verluste verfallen können, bevor sie mit späteren Gewinnen verrechnet werden können. Im Gegensatz zum Ausland gibt es in der Schweiz am Investitionszeitpunkt kaum steuerliche Anreize für Privatinvestoren. Eine Ausnahme bildet der Kanton Jura, wo Investitionen in „nouvelles entreprises innovantes“ privilegiert besteuert werden – ein Modell, das für andere Kantone als Vorbild dienen könnte.

Vermögenssteuer und Emissionsabgabe

Für Privatinvestoren und Gründer ist in der Aufbauphase die Vermögenssteuer auf der Beteiligung relevant. Seit der Anpassung der Steuerpraxis im Kanton Zürich (2016) wird bei Start-ups auf den Substanzwert abgestellt, was die Besteuerung vor dem Vorliegen von Geschäftsergebnissen entschärft. Kritisiert wird zudem die Emissionsabgabe auf Eigenkapital, die Kapitalerhöhungen verteuert und Startups genau dann bremst, wenn sie wachsen wollen.

Erfolgsfaktoren: Bildung, Netzwerke und Spin-offs

Die Schweiz rangiert zum 14. Mal als weltweit innovativstes Land. Die ETH Zürich und die EPFL Lausanne gehören zu den führenden Universitäten in Europa für die Gründung wertvoller Deep-Tech-Unternehmen. Auf Deep Tech entfallen 60 Prozent aller Schweizer Startup-Investitionen – der höchste Anteil weltweit.

Venture Kick und Überlebensraten

Das Förderprogramm Venture Kick hat sich als effektives Instrument erwiesen, um akademische Forschung in Unternehmen zu überführen. Seit 2007 wurden über 80 Millionen Franken in mehr als 1100 Projekte investiert. Bemerkenswert ist die Überlebensrate: Von den geförderten Projekten wurden 850 Jungunternehmen gegründet, von denen 85 Prozent heute noch aktiv sind. Bei den ersten 250 geförderten Projekten liegt die Überlebensrate nach durchschnittlich 13 Jahren bei 68 Prozent, mit durchschnittlich 44 Mitarbeitenden pro Unternehmen. Im Vergleich: ETH-Spin-offs weisen eine Fünf-Jahres-Überlebensrate von 93 Prozent auf, gegenüber 50 Prozent bei allgemeinen Startups.

Erfolgreiche Unicorns

Durch das Schweizer Ökosystem sind bereits mehrere Unicorns (Unternehmen mit Bewertungen über 1 Milliarde Franken) hervorgegangen, darunter GetYourGuide, MindMaze, Scandit und Climeworks. Letzteres profitiert zudem vom Trend zum Impact-Investing: Viele junge Talente sind bereit, für weniger Geld zu arbeiten, wenn das Unternehmen einen sinnvollen Beitrag leistet, was Climeworks bei der Rekrutierung erleichtert.

Politische Herausforderungen und Handlungsbedarf

Trotz des Finanzierungsbooms verlassen einzelne bekannte Startups wie Proton, Auterion und Destinus die Schweiz oder verlagern Aktivitäten ins Ausland. Laut Schätzungen verlegt jedoch nur eines von zwanzig Schweizer Startups den Hauptsitz ins Ausland – das grössere Problem liegt in der Verlagerung von Geschäftsaktivitäten.

Rahmenbedingungen statt Fördergelder

Die Abwanderungsgründe liegen selten am fehlenden Kapital – 2025 flossen knapp drei Milliarden Franken in Jungunternehmen, gut viermal mehr als noch vor zehn Jahren. Vielmehr sind es regulatorische Hemmnisse: Die Überwachungsverordnung zum Post- und Fernmeldeverkehr untergräbt datenschutzbasierte Geschäftsmodelle, das Kriegsmaterialgesetz erschwert Drohnen- und Luftfahrttechnologie-Startups, und die strikten Kontingente für Hochschulabsolventen aus Drittstaaten erschweren die Rekrutierung von Fachkräften. Zudem verhindern rigide Arbeitszeitmodelle flexible Startup-Strukturen.

Abhängigkeit von ausländischem Kapital

Schweizer Start-ups sind zu etwa 75 Prozent durch ausländisches Kapital finanziert, was sie besonders anfällig für globale geopolitische und finanzpolitische Entwicklungen macht. Die Politik ist daher gefordert, die Rahmenbedingungen zu verbessern: Abschaffung der Emissionsabgabe, Erleichterung des Zugangs für Hochschulabsolventen aus Drittstaaten zum Arbeitsmarkt und Modernisierung des Arbeitsgesetzes für flexible Modelle. Gute Startup-Politik erfordert weniger Fördergelder, sondern vielmehr „politische Knochenarbeit an den Grundlagen“, um Hindernisse aus dem Weg zu räumen.